Geschichten, die das Rössli schrieb…
von Josef Stirnimann
Kapitel 4: Am Rössli-Stammtisch
„Chli schnorre“, das sei es, was Stammtische so beliebt mache, stellte die Journalistin Anina Ritscher vor drei Jahren im Rössli fest. Das Rössli beherbergt mehrere Stammtische, die ältesten davon seit Menschengedenken. Es gibt aber auch einen neuen, einen „umgetopften“ sozusagen: Gäste des ehemaligen Löwen-Stammtisches fühlen sich an ihrem runden Tisch im Rössli wohl, seit ihr Lokal vor drei Jahren für immer dichtmachte.
EU-Verträge und Ferkelkastration
Am Ruswiliensis-Stammtisch sitzen einmal im Monat die „gschtudierten“ Rusmeler. Hier wird viel politisiert, über die neuen Verträge mit der Europäischen Union zum Beispiel oder – keine Überraschung im Söili-Kanton Luzern – über neue Methoden bei der Ferkelkastration. Doch, das ist schon politisch, weil es nämlich um Gentechnik geht. An diesem Stammtisch gibt es kaum derbe Sprüche, schliesslich sind auch Frauen dabei. Man weiss: In einem Stelleninserat sucht man heute zum Beispiel nicht mehr einfach einen „Engineer“, sondern einen „Engineer m/w/d“, also männlich, weiblich oder divers, heisst: keinem der beiden Geschlechter zugehörig. Die Runde witzelt, meistens sei damit doch „männlich, weiss, deutschsprachig“ gemeint. Dann bekommen noch die Veganerinnen ihr (pflanzliches) Fett weg: „Also, ich mache keine Witze mehr über Tofu, das ist sooo geschmacklos!“
Brief vom Parteipräsidenten
An jedem ersten Dienstagvormittag des Monats wird ebenfalls politisiert, etwa über den Fachkräftemangel in der Wirtschaft und in den Wirtschaften. Nein, es sei kein reiner Mitte-Parteistamm, wehrt sich der ungekrönte Vorsitzende, alt Gemeindepräsident und Redaktor Adolf Bühler. Früher sei regelmässig auch der liberale Richard Felber selig, Sigiger alt Posthalter und Organist, dabeigewesen. Mit dem Namenswechsel der ehemaligen Christlichdemokratischen Volkspartei zu „Die Mitte“ hat man in dieser Runde ohnehin etwas Mühe, wie sich Adolf Bühler vor Jahren in einem Brief an den damaligen Parteipräsidenten Gerhard Pfister äusserte. Dieser habe in einem persönlichen Antwortschreiben Verständnis gezeigt: „Ich kann deine Skepsis nachvollziehen, besonders, weil ich weiss, dass du schon im vorgerückten Alter bist.“ Wo er recht hat, hat er recht: Adolf und zwei weitere Stammtischbesucher haben Jahrgang 32 – rechne!
Maikäfer zu Tierfutter
Der Donnerstag-Stamm im Rössli zeigt das klassische Bild eines Stammtisches, wo Handwerker, Lehrer, Bürolisten, Bauern, Historiker, Theologen, Doktoren aller Art, Politiker, Banker, Polizisten zusammensitzen – vorwiegend im Rentenalter. Ausschliesslich Männer – warum eigentlich? Diskutiert wird über alles, und die Voten fliegen manchmal scharf wie Pfeile kreuz und quer über den Tisch. Gern an diesem Stammtisch sass bis zu seinem Tod vor drei Jahren der legendäre frühere Sturmtank des Fussballclubs Ruswil, Walter „Wade“ Schaller. Noch vor den Zeiten von „Wade“ gab es in Ruswil keinen Fussballplatz, man wanderte von einem Dorfrandacker zum nächsten – eine „sportliche Dreifelderwirtschaft“ nennt das der Historiker Werner Wandeler. Zum Thema „Maikäfer“, die es heute kaum mehr gibt, weiss er folgendes: Sie füllen im Gemeindearchiv, das er betreut, etliche Aktenschränke – nicht buchstäblich, wie gruusig! Sondern weil die Behörde deren Sammlung als verheerende Schädlinge anordnete, worauf sie in der „Grasteeri“ in proteinreiches Tierfutter verwandelt wurden – tonnenweise! Eine pestizidfreie Kreislaufwirtschaft, ja, eine grüne Politik, lange, bevor dieser Begriff erfunden wurde. Klar: Politik ist immer ein Thema am Stammtisch, und einig ist man sich nie. Das war auch damals nicht der Fall, als der Rusmeler Donnerstags-Stamm im nationalen Fernsehen erschien, nämlich am 30. April 2010, dem letzten Tag, an dem das Rauchen in Gaststuben noch erlaubt war.
„Der Stammtisch hat Potential“
„Der Stammtisch hat Potential, obwohl er keinen guten Ruf hat“, stellt Anina Ritscher, die sich selbst als links, feministisch und urban bezeichnet, bei ihrem Besuch fest. „Es heisst, er sei eine Bastion des Männerbundes, ein Safe Space für Sexisten, Rassisten und Antisemiten. Doch: Ein gemeinsamer Tisch kann Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft zusammenbringen. Dort kann gestritten und sich versöhnt, der vielbeschworenen Spaltung etwas entgegengesetzt werden. In einer Zeit, in der Debatten meistens in sozialen Medien geführt werden, scheint das attraktiv.“
Frauen spielen schöner
Kaum links und gar nicht urban, ein bisschen feministisch aber schon: Das ist der Frauen-Stammtisch im Rössli am Samstagvormittag. Das männliche Geschlecht ist nicht ausgeschlossen und gelegentlich auch vertreten. Die kürzlich verstorbene Irene Blaser hat diesen Stammtisch vor elf Jahren erfunden. „Es ging mir darum, am Samstag wieder etwas Leben ins Dorfzentrum und in den schönen Gasthof zu locken.“ Die Gesprächsthemen? Nicht so giftig-politisch wie an Männerstammtischen, dafür näher am Leben: Haushalt, Reisen, Grosskinder, die Frauen-Fussballnati, Gesundheitsprobleme –- ja, auch hier ist die vorwiegende Haarfarbe grau-weiss, wie an allen Stammtischen. Aber der Frauen-Stammtisch ist der fröhlichste von allen, auch wenn die Frauen nur Kaffee oder „Blöterliwasser“ trinken. Manchmal allerdings lässt ein Geburtstagskind eine Runde gespritzen Weissen auffahren. Und klar: Auch wenn die Schweizer Fussballfrauen nicht immer siegen: Schöner spielen als die Männer tun sie alleweil.
Quelle: 041 – das Kulturmagazin, Juni 2022.
Kapitel 3
Rot oder bunt? Das politische Rössli
Es ist schon so: Seit dem 19. Jahrhundert war das Rössli politisch meistens einfarbig; es betrieb, um in der Rössli-Sprache zu bleiben, keine Hüst- und Hott-Politik. Aber es stand damals im Brennpunkt widerstreitender politischer Strömungen und damit am Ursprung der einzigartigen Luzerner Parteienfärbung.
Die Ruswiler Erklärung
Die wichtigsten Ereignisse, die das Rössli in seiner Geschichte erlebt, finden vor gut 180 Jahren statt. Am 5. November 1840 treffen sich hier 315 katholisch-konservative Gesinnungsfreunde. Der Grund: Nach der Mediation, also dem politischen Diktat von Frankreich bis 1813, gehen im Kanton Luzern die Liberalen und die Katholisch-Konservativen zunehmend getrennte Wege, besonders bezüglich Verhältnis von Staat und Kirche und bezüglich Staatsform. Während sich die Konservativen für direktdemokratische Instrumente stark machen, treten die damals herrschenden Liberalen für eine repräsentative Demokratie ein. Die programmatischen Aussagen der Versammlung im Rössli gehen als Ruswiler Erklärung in die Geschichte ein und gelten als erstes katholisch-konservatives Parteiprogramm. Demnach sollen in einer neuen Kantonsverfassung unter anderem die Garantie der römisch-katholischen Religion, die Garantie für eine katholische und vaterländische Erziehung sowie die Garantie für die Selbständigkeit von Korporationen und Gemeinden umgesetzt werden.
Die „Roten“ und die „Schwarzen“
Am 31. Januar 1841 stimmen die Luzerner darüber ab, ob sie die von den Konservativen im Rössli geforderte Verfassungsrevision wollen oder nicht. Den Stimmenden werden zwei Abstimmungszettel zur Verfügung gestellt: mit einem roten Stempelaufdruck „Revision“ oder mit einem schwarzen Aufdruck „Nichtrevision“. Diese Farbbezeichnung – rot für konservativ, schwarz für liberal – hält sich bei der älteren Generation bis heute.
Der Ruswiler Verein
Die Abstimmung führt zum Machtwechsel im Kanton Luzern und beendet die zehnjährige liberale, also freisinnige Vorherrschaft. Am 20. April 1842 treffen sich die Katholisch-Konservativen erneut in Ruswil. Die Versammlung beginnt mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche, wo „zum Dank an den Allmächtigen für die Rettung des Kantons vom ungläubigen Radikalismus“ eine ewige Jahrzeit gestiftet wird. Im Rössli wird anschliessend der Ruswiler Verein, die Vorgängerorganisation der katholisch-konservativen Partei gegründet – ab 1970 heisst sie Christlichdemokratische Volkspartei CVP und seit 2021 „Die Mitte“.
Der Sonderbundskrieg…
Am 11. Dezember 1845 gründen die sieben katholisch-konservativen Schweizer Kantone den Sonderbund. Sein Zweck: Die Wahrung der katholischen Religion und der Kantonssouveränität und die Verhinderung eines Schweizer Bundesstaates, und zwar auch mit kriegerischen Mitteln. Als Präsident des Kriegsrats wurde der Luzerner Regierungsrat Konstantin Siegwart-Müller bestimmt, der zu dieser Zeit auch den Ruswiler Verein präsidierte. Am 4. November 1847 beschliesst die mehrheitlich liberale eidgenössische Tagsatzung, den Sonderbund mit Gewalt aufzulösen. Der Sonderbundskrieg, der letzte Krieg auf Schweizer Boden, dauert nur vier Wochen und fordert verhältnismässig wenige Todesopfer, dank dem eidgenössischen General Guillaume Henri Dufour. Dieser fordert die Einhaltung humanitärer Grundsätze bei den Kampfhandlungen, „den Besiegten ohne Rachegefühle zu begegnen, keine unnötigen Zerstörungen vorzunehmen und die Schweizerfahne nicht mit Beleidigungen zu beflecken.“
Nach dem Sieg der eidgenössischen Armee wird der Ruswiler Verein verboten. Trotzdem hat der Einsatz der im Rössli Versammelten Früchte getragen. Die Bundesverfassung von 1848 schafft keinen Einheitsstaat, den Kantonen bleibt weitgehende Selbstbestimmung. Das nach amerikanischem Vorbild gebildete Zweikammersystem unterstreicht die föderalistische Ausrichtung des neuen Staates. Und im Kanton Luzern erringen die Konservativen schon 20 Jahre später wieder die absolute Mehrheit.
…und die Sonderbundsstube
Diese ganze bedeutende Geschichte ist als permanente Ausstellung an den Wänden des Gasthof Rössli zu erleben, sorgfältig gestaltet vom Ruswiler Historiker Werner Wandeler, der früher auch lokalpolitisch tätig war – als „Schwarzer“! Das Zentrum der Ausstellung bildet die Sonderbundsstube, direkt angrenzend an die Gaststube. Nein, sie stammt nicht aus den 1840-er Jahren, sondern wurde erst vor dreissig Jahren in historischem Stil gebaut und mit historischen Requisiten gestaltet, unter anderem mit einer Original-Uniform der eidgenössischen Sonderbundstruppen.
Im Rössli – wo denn sonst?
Warum entstanden im Rössli die „Ruswiler Erklärung“ von 1840 und der „Ruswiler Verein“ von 1842? Ruswil war damals – und noch Jahrzehnte später – die bevölkerungsmässig zweitgrösste Luzerner Gemeinde hinter der Stadt Luzern, und der Rösslisaal war der grösste weit und breit. Seither hat das Rössli den Ruf einer roten Parteibeiz – zu Unrecht: Schon 1843 wirtete hier der „neue erzschwarze Gastgeber“ Josef Leonz Luterbach. Im 20. Jahrhundert besuchten mehrere Bundesräte das Rössli, allsamt von der Christlichdemokratischen Volkspartei CVP. Die Gründung der Gasthof Rössli AG im Jahr 2005 war ebenfalls von der CVP geprägt. Aber heute, als einziger verbliebener Gasthof im Ruswiler Dorfzentrum, ist das Rössli bunt, und Werner Wandeler ist hier nicht der einzige „schwarze“ Stammgast. Vor einiger Zeit hielten sowohl die Mitte-Partei als auch die Schweizerische Volkspartei SVP gleichzeitig ihre Versammlungen im Rössli ab – wo denn sonst?
Quellen: Werner Wandeler: Ausstellungsdokumentation / Werner Wandeler: Die Glaubensarmee (Publikation in Vorbereitung)
Kapitel 2
Als das Rössli bei der Linde einem Löwen, einem Bären und einem Esel gegenüberstand
Ein Gasthof namens Rössli existierte urkundlich schon 1575. Damals meldeten sich die drei Ruswiler Wirte von Linde, Bären und Rössli, Inhaber eines „Tafernen-Rechts von alltherhar“, samt den entsprechenden Pflichten, nämlich den Gästen „zu Ross und zu Fuss Tags wie nachts“ zu Diensten zu sein, bei der Luzerner Regierung. Sie wehrten sich gegen die unfaire Konkurrenz durch das „näbend und Winckel Wirten.“ Mit Erfolg, wie die Im Staatsarchiv erhaltene Antwort aus dem Luzerner Ratshaus dokumentiert: „Allso des gantz niemandt In dem flecken Zu Russwyl, dann allein die obgemelltten dry Tafernen Zur Linden, Zum Bären und Zum Rössli (…) wirten sölle, by uffgesetzter Straff und Buhs“.
Neun Tische, 40 Teller
Das heutige Rössli ist etwa 400-jährig. Jedenfalls wurden die ältesten hölzernen Bauteile nachweislich ums Jahr 1620 als Bäume gefällt. Zweihundert Jahre lang war es aber weniger bedeutend als Linde, Bären und Löwen. Ein Inventar aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts erwähnt lediglich acht bis neun Tische, wenige Lehnstühle, einige Langbänke, in etwa zwölf Stabellen und weitere Stühle. Auf 30 bis 40 hölzernen Tellern konnte serviert werden. Im Jahr 1743 war das Rössli praktisch am Ende: Alle Ruswiler Wirte wollten das Wirtsrecht des Rössli löschen lassen gegen eine Entschädigung von 400 Gulden an Rössliwirt Jery Bühler, der sich einverstanden zeigte. Selbst der Pfister, das heisst der Bäcker, und der Metzger wurden um ihre Meinung gefragt; beide fanden, sie würden sich nicht beschweren, in Ruswil habe es genug Wirtshäuser. Die Luzerner Obrigkeit bewilligte aber diesen Kuhhandel nicht. 1765 gab es im Rössli gemäss Inventar je 12 Messer und Gabeln, 12 Gläser und 12 Schoppengläser – es war also für eine nicht allzu zahlreiche Kundschaft gerüstet.
Wo steht der Esel?
Schon vor dem Bau des heutigen Rössli existieren also Bären und Linde. Wann entstand im Oberdorf der Löwen? Über diesen ist nichts Historisches publiziert. Aber was ist jetzt mit dem Esel? Das ist nichts anderes als das heutige Chrämerhus, erbaut schon 1478 – ein Haus, über das man problemlos ein ganzes Buch schreiben könnte. Seit 1581 gab es hier eine Weinwirtschaft. Damals hiess das Haus „hoch huss“. 1640 wird sein neuer Name erwähnt: „dem Hohen huß, so jetzt der Esel genant würt.“ Warum? Man weiss es nicht. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts diente sein Erdgeschoss als Verkaufsladen, was den Namen „Chrämerhus“ erklärt, und ab 1975 war es wieder ein Gastrobetrieb, das „Café Chrämerhus.“ Seit Jahrzehnten ist der Esel am Verlottern, seit anderthalb Jahren steht er leer und wartet auf neues Leben.
Der Weg zur Nummer eins
Anfangs des 19. Jahrhunderts hat der damalige Wirt Niklaus Müller das Rössli stark vergrössert und um den Saal erweitert, gegen den Willen von Nachbar Joseph Unterfinger von der Murgass – dieser befürchtete Immissionen durch den Tanzsaal, „wenn die Gäste nicht mehr wissen, was sie tun.“ Damals erhielt der Gasthof mit seinem grossen Saal eine besondere Stellung im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben.
In den 1820-er Jahren erfolgte die neue Verkehrsführung über den heutigen Dorfplatz – vorher verlief die Strasse durch das Unterdorf (heute: Spyrweg) und von dort entweder nach Wolhusen oder in einer engen, ansteigenden Kurve unter dem Pfisterhus, also der Bäckerei (heute: Chasteleweg), Richtung Rüediswil. Das Rössli musste für die neue Strasse nach Westen seinen Baumgarten opfern, dafür stand es jetzt mitten im Verkehr – eine attraktive Lage. 1835 erhielt der Hauptbau des Rössli seine heutige Grösse und seine schlichte, aber elegante klassizistische Gestalt. Seit der stilgerechten Aussenrenovation im Jahr 2004 steht das Haus unter Denkmalschutz. Schon 1999 liess die Familie Erni das von uralter Handwerkskunst geschaffene «wysse Rössli» restaurieren – vielleicht das älteste, sicher aber das schönste und ausdrucksvollste Wirtshausschild im Luzernbiet!
Quellen: Robert Erni-Wicki, mündlich und Tonband / Gästebuch Gasthof Rössli

Der Ruswiler Dorfplatz 1899, wo das Rössli (hinter dem Brunnen) bei der Linde (links davon) dem Bären (ganz links), dem Löwen (vermutlich rechts der Kirche) und dem Esel (= Chrämerhus, rechts vom Brunnen) gegenüberstand. Die Handschrift lautet: Herrn F. Oesch, Saanen / Auflösung des Räthsels in letzter No: Athena, Meta, ein alle (…) ziemlich seltener Name. Bitte um einige Prospekte u. selbe an Sammler zu vertreiben. Mit Sammlergruhs Med.Muff. Wovon ist hier die Rede? Wer löst das „Räthsel“?
Kapitel 1
Die Rössli Meitschi
Am 3. Januar 2001 treffen sich die fünf Rössli-Meitschi Anna, Maria, Dorli, Gritli und Emma zu einem Schwatz in der Sonderbundsstube des Gasthofs. Es sind die fünf betagten Töchter von Xaver, der als Vertreter der zweiten Generation Erni von 1907 bis 1947 wirtete. Nur zwei Tage nach dem Treffen stirbt überraschend die jüngste Schwester Emma.
Der General war hier
Was die fünf alten Damen dem damaligen Rössli-Wirt, ihrem Neffen Robert Erni-Wicki, auf Tonband erzählen, ist ein reichhaltiges und farbiges Bild des politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Ruswil − und weit darüber hinaus: Im zweiten Weltkrieg beherbergte das Rössli nämlich häufig Offiziere der Schweizer Armee, einmal sogar General Henri Guisan. Und gegen Kriegsende schliefen im Saal internierte Kriegsteilnehmer aus Frankreich, Polen und Deutschland. Feriengäste gab es auch, besonders in den sechziger Jahren kamen sie aus der ganzen Welt ins Hotel Rössli.
Leben im Gasthof
Für die fünf Rössli-Meitschi und ihre drei Brüder war der Gasthof in den 30-er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts auch die Familienwohnung – eine abgetrennte Wirtewohnung gab es bis in die 70-er Jahre nicht. Ihre Mutter Anna Erni-Achermann war wohl so etwas wie eine ideale Wirtin: Hübsch, klug, eine begabte Köchin und geschäftstüchtig: Dem Handlungsreisenden Mattich servierte sie jeweils zu Beginn einer Veranstaltung ein leckeres Pastetli, welches dieser nicht bezahlen, aber mit sichtbarem Genuss und hörbarem Rühmen verspeisen musste. Logisch, dass dann die Bestellungen haufenweise in der Küche eintrafen! Alle Kinder mussten schon in jungen Jahren im Betrieb anpacken, besonders nachdem Mutter Anna schon im Jahr 1936 nur 45-jährig starb.
Aufklärung im Schrank
Lange vor und nach den beiden Weltkriegen war Ruswil mit der Theatergesellschaft, dem Orchester, mehreren Musikvereinen und Chören eine kulturelle Hochburg. Das Rössli besass damals den einzigen grösseren Saal weit und breit, und so fanden dort sämtliche Aufführungen statt, auch die Unterhaltungsabende der Turnvereine: Jene des katholisch-konservativen KTV Fides und des eher liberalen Eidgenössischen Turnvereins ETV. Dessen ungewohnt kurz berockte Damenriege löste 1957 sogar einen veritablen Dorfskandal aus. Bei allen Veranstaltungen waren auch die fünf Erni-Töchter dabei, als Schinkenbrot- und Kuchenverkäuferinnen oder als Garderobièren. Und natürlich auch als heimliche Zaungäste an Proben und Aufführungen. Oder auch etwa versteckt im Schrank des Kostümzimmers, wo ein Theaterpärchen sich unbeobachtet glaubte und so den unschuldigen Mädchen Unterricht im «Karisieren» bot...
«Obere» Kultur…
Regelmässige Grossereignisse früherer Jahre waren die Primizfeiern: Junge Geistliche sassen nach ihrer ersten Messe in der heimischen Pfarrkirche mit 300 Gästen beim Bankett im Rössli. Anders, aber ebenso berühmt waren die Rössli-Bälle: Um die Jahrhundertwende jene des Cäcilienvereins, später die legendären Rosenbälle mit hunderten von Krepppapier-Rosen und mit grossformatigen Karikaturen aus der Künstlerhand des unvergesslichen Willi Huwiler, der zum allgemeinen Gaudi die Rusmeler Aktualitäten dokumentierte. Auch Gastspiele fanden statt, zum Beispiel von Walter Roderer als «Mustergatte».
…und «untere» Kultur
Eine fast sagenhafte Parallelgeschichte zu diese «Hochkultur» schrieb in dieser Zeit das «Rössli-Stobali» (heute: Pizzeria Valle Rossa) im Strassengeschoss des Gasthofs: Eine Beiz, die in Zeiten ungeheizter Angestelltenzimmer tatsächlich manchem die Wohnstube ersetzte, eine Beiz, wo die Gäste einander vor lauter Stumpen- und Zigarettenrauch kaum sahen, was zum Übernamen «Augenklinik» führte, eine Beiz, wo der Boden mit Sägemehl bestreut war und wo buchstäblich jedermann verkehrte. Aktenkundig ist zum Beispiel, dass der bekannte Ruswiler Huobschür-Mörder am Abend des 20. Dezember 1909 im«Stobali» sass, bevor er bei Nacht und Nebel und Schneesturm aufbrach zu seiner Schreckenstat.
Erfreulicher sind die Erinnerungen an jene Tage und Nächte, wo eine Stammkundschaft von Knechten, Handwerkern und Viehhändlern mit allerlei Jungvolk zusammentraf, diskutierte, feierte und zu später Stunde auch «g‘scherete», wie die Überlieferung berichtet. Im Gässli zwischen dem Rössli und der damaligen Bäckerei Erni, hinter dem ebenerdigen Stobali-Eingang, befand sich ein öffentliches, weil türloses Pissoir. Für viele Heimkehrer war es die letzte Station nach der Polizeistunde, sprich: der gesetzlichen Schliessung nachts um halb eins. Und noch weiter hintenwar das zeitgenössische Bio-Recycling, sprich: der «Söistall».
Spielen mit Adenauers Enkeln
«The Hotel Roessli is for me Everything a hotel should be!»
Dieses umfassende Lob schrieb Aidan A. Kay, Feriengast aus Neuseeland im Juli 1961 ins Gästebuch. In den sechziger Jahren, das heisst zu Zeiten des Wirtepaars Robert und Frieda Erni-Zemp, beherbergte das Rössli Menschen aus allen Ecken der Welt: Deutschland, Österreich, England, Holland, Indien, Israel...! Was Ruswil damals, 15 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, zu bieten hatte, war unverfälschtes, sozusagen heiles Schweizer Landleben. So kam es, dass Robert junior wiederum zu einer Gastfamilie nach Deutschland eingeladen wurde und dort zusammen mit den Grosskindern des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer spielte, ja sogar mit dem Kanzler persönlich korrespondierte. Eine dauerhaft begehrte Feriendestination grossen Stils wurde Ruswil dann doch nicht, dafür war die Gegend zu wenig mondän, und auch das Wanderwetter war oft garstig, wie die Gäste vermerkten. Doch das wurde immer aufgewogen durch:
«Betreuung vorzüglich, Verpflegung famos, so dass nach zwei Wochen zu eng war die Hos‘!»
Weiterleben als Kunstwerk
Am 20. Januar 2020 starb Anna Katzenmeyer-Erni, das letzte Rössli-Meitschi, im biblischen Alter von gut 102 Jahren. Emma Bättig-Erni, ihre jüngste und zuerst verstorbene Schwester, lebt ewig weiter: als Kunstwerk auf der Fassade des Ruswiler Gemeindehauses, das bis 1954 Josefshaus hiess und der Kirchgemeinde gehörte. Der Ruswiler Kunstmaler Jakob Huwiler, Vater von Willi Huwiler, stellte hier grossflächig den heiligen Zimmermann Josef in seiner Werkstatt dar. Zu seinen Füssen spielt fröhlich das Jesuskind, nämlich die damals neunjährige Emma Erni – Genderfluidität avant la lettre.
Quellen: Robert Erni-Wicki, mündlich und Tonband / Gästebuch Gasthof Rössli














